Az 7 FT 551/53.BLN 2014

Az 7 FT 551/53.BLN 2014

So weit weg immer näher

Authentische Fiktion nennen die Filmemacher The Disorder und Silvana Brunner ihren Film So weit weg immer näher, denn die 90-minütige Geschichte einer beginnenden Liebe ist sowohl bildliche Dokumentation als auch nah an der Realität angelehnte Fiktion.
2012 begibt sich Martin mit seinen Eltern Gerd und Renate auf eine fast dreiwöchige Rundreise durch den Osten der USA und Kanadas. In seinem Gepäck: Eine Kamera, mit der er die unzähligen Eindrücke zwischen Großstadtmoloch New York und abgeschiedener Einsamkeit der Wälder New Hampshires festhält. Eine Kamera, mit der er aber auch seine Eltern beobachtet, die Art und Weise, wie sie nach über 40 Jahren Ehe miteinander umgehen, ihre Vertrautheit, ihre Nähe, ihre Liebe zueinander, die Martin mitunter stark und unverwüstlich vorkommt wie eine deutsche Eiche.
Umso zarter und zerbrechlicher scheint ihm der Spross der eigenen Liebe. Als kreativer Einzelgänger und individualistischer Nachtmensch hatte er gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen und sein Herz nicht in die Hand anderer zu geben. Zumindest, bis ihm kurz vor der lange geplanten Reise Silvana über den Weg läuft. Die junge Studentin und Mutter ist unglücklich verlobt und macht ohne Übertreibung die schwierigste Zeit ihres Lebens durch, ist hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl gegenüber der eigenen kleinen Tochter und dem innigen Wunsch die festgetretenen und scheinbar vorgezeichneten Pfade ihrer jungen Vorzeigefamilie zu verlassen.
Die Umstände sind also denkbar ungünstig, als es auf die große Reise geht und Silvana in Berlin zurück bleibt. Dennoch entwickelt sich aus anfänglicher Sympathie Freundschaft, aus Freundschaft Vertrautheit und schließlich das heimliche Gefühl, im jeweils anderen jemand ganz besonderes gefunden zu haben. Nicht nur durch die Entfernung ist für beide nun der Zeitpunkt gekommen, die gegenseitigen Gefühle auf die Probe zu stellen. Der Zuschauer wird so Zeuge einer Annäherung. Durch deutliche und berührend ehrliche Worte werden Verletzlichkeiten offenbart und Zutrauen geschaffen. Was als entspannter Familienurlaub geplant war, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Roadtrip in die eigene Seelenlandschaft, zu sich selbst und zum Herzen des anderen.
In ihrer Parabel über das Herzklopfen gehen The Disorder und Silvana Brunner der Frage nach, was passieren muss, damit aus der zarten Pflanze einer jungen Liebe, deren Sämling sich seinen Weg ans Tageslicht nicht selten mitten durch die Trümmer einer gescheiterten Beziehung sucht, am Ende ein kräftiger Baum mit robusten Wurzeln wird, der auch nach über vierzig Jahren gemeinsamen Lebens jedem Sturm gewachsen ist.
Ein Roadmovie, das in New York City beginnt und auch dort enden wird. Ein Kreis, der sich nicht erst mit der Erkenntnis schließt, dass auch die älteste Eiche irgendwann aus einem jungen Sprössling entsteht, der von Anfang an gut gepflegt werden muss und deren dicker Stamm ohne die stetige Erinnerung an die ersten Knospen schnell morsch und brüchig werden würde. Eine Rundreise also, die uns nicht nur durch die einsamen Wälder Connecticuts, New Hampshires und Vermonts nach Boston, Montréal, Toronto und an den Niagara Fällen vorbei bis nach Washington führt, sondern dabei stets auch einen Koffer in Berlin hat. Denn wenn man letztlich begriffen hat, dass auch in Sachen Liebe der Weg stets das Ziel ist, merkt man ganz schnell, dass es gerade die Sehnsucht nach dem Anderen ist, die so manches Mauerblümchen in den schönsten Farben erblühen lässt.
Auch, wenn die Namen vieler beteiligter Personen nicht nur aus dramaturgischen Gründen geändert wurden, so ist die Geschichte rund um So weit weg immer näher keineswegs allein in den Köpfen der Filmemacher entstanden, sondern im wahrsten Sinne des Wortes vom Leben geschrieben worden. Rein dokumentarisch hat The Disorder seine Erlebnisse während einer USA-Kanada-Reise im Jahr 2012 festgehalten. Per Off-Kommentar sind die zum Teil atemberaubenden Natur- und Stadtaufnahmen mit den Nachrichten unterlegt, die er sich während der Reise mit seiner heutigen Lebensgefährtin geschickt hat. Auch diese Nachrichten sind vollkommen authentisch und lediglich in ihrer Reihenfolge und Länge ein wenig fiktional – sprich: dramaturgisch – angepasst.
Ohne jedes Drehbuch hat das Leben also eine Geschichte über die Liebe geschrieben, die am Schneidetisch zu einem sehr persönlichen Film über das Suchen und Finden des Herzklopfens wurde. Die Vorgehensweise mag auf den ersten Blick etwas verwundern, doch erstens weiß man schließlich nie vorher, welche Geschichten das Leben noch für einen bereit hält und zweitens heißt es an einer Stelle des Films doch auch so schön: “Fellini hat auch viel gefilmt und danach daraus etwas geschnitten.”

So weit weg immer näher (Far Away Coming Closer), Deutschland/Schweiz 2014, Regie: The Disorder, 93 Minuten